Energiedebatte in Deutschland: 15 Fragen zur Atomkraft

>> Aug 23, 2010

Wann werden die Atomkraftwerke abgeschaltet?

In Deutschland sind noch 17 kommerzielle Kernkraftwerke in Betrieb, die nach und nach vom Netz genommen werden sollen, das letzte circa 2022. Das sieht der Ausstiegsbeschluss bisher vor. Die Regierungskoalition will nun die Laufzeiten der Atommeiler verlängern, ist sich aber noch nicht einig, für wie lange. Bundesumweltminister Norbert Röttgen (CDU) denkt an acht Jahre. Unions-Politiker Stefan Mappus, Volker Kauder und Horst Seehofer wollen mindestens 15 Jahre Verlängerung.

 

Energiedebatte: 15 Fragen zur Atomkraft

I

Warum sollen die Laufzeiten verlängert werden?

Ein paar Gründe sprechen dafür: Kernkraftwerke liefern weitgehend unabhängig von Wind und Wetter Strom. Das schaffen bisher nur Kraftwerke, die mit Kohle, Gas oder anderen klimaschädlichen Brennstoffen befeuert werden (Ausnahme Wasserkraft). Das Argument lautet: Solange Sonnen- und Windenergie noch nicht zuverlässig liefern, sind AKWs die beste, weil klimaunschädliche Alternative. Laufen die Meiler länger, könnte Deutschland bis 2030 die CO2-Emissionen um bis zu 49 Prozent senken. Das wären fünf Prozentpunkte mehr als bei einem Atom-Ausstieg.

Wie lange könnten die deutschen Atomkraftwerke laufen?

Sechzig Jahre und länger, sagen deren Erbauer und Betreiber. In anderen Ländern laufen AKWs, die mit den deutschen baugleich sind, so lange.

Sind alte Atomkraftwerke sicher?

Fest steht zumindest, dass Atomkraftwerke jüngerer Generation neuen Sicherheitsphilosophien folgen, mit denen sogar Kernschmelzen beherrschbar sein sollen.

Warum kämpfen 40 Manager und Unternehmer mit Anzeigen für Kernkraft?

Aus Überzeugung womöglich und natürlich aus Eigeninteresse. Vier der Unterstützer betreiben selbst Atomkraftwerke, ein großer Teil der anderen verbraucht in seinen Werken viel Energie. Die Wirtschaft will billigen Strom. Länger laufende Atomkraftwerke würden den erwarteten Anstieg der Strompreise dämpfen. Er würde um ein Viertel geringer ausfallen, schätzt der Bundesverband der deutschen Industrie. Die Alternative heißt Kohlekraft- oder Gaskraftwerke, beide produzieren teurer als AKWs, zumal der Betreiber für diese auch Verschmutzungszertifikate kaufen muss.

Ist die Energiewirtschaft geschlossen pro Kernkraft?

Nein! Nicht nur die Ökostrom-Fraktion, auch viele mittelgroße Energieunternehmen sind strikt gegen Laufzeitverlängerungen. Sie haben im Vertrauen auf das frühe Ende der Kernkraft viel Geld investiert und fürchten nun den billigen Atomstrom als Konkurrenz. Bleiben die Meiler über 2020 hinaus am Netz, zementiert das die Marktmacht der großen vier Kernkraft-Betreiber: Eon, EnBW, RWE und Vattenfall.

Was hat eigentlich die Brennelementesteuer damit zu tun?

Das ist eine Steuer, mit der der Bundesfinanzminister die Betreiber von Atomkraftwerken ab 2011 belasten will, um die Haushaltslöcher zu verkleinern. Die Steuer auf Uran und Plutonium soll 2,3 Milliarden Euro im Jahr bringen. Wolfgang Schäuble ist es aber nicht so wichtig, wie das Geld reinkommt. Er kann sich auch mit anderen Formen der Abgabe – etwa Fondslösungen – anfreunden, solange die Summe stimmt. Der Bundesumweltminister findet Zusatzeinnahmen auch gut, will damit aber Ökostrom und das Energiesparen fördern. Alternativ könnte eine zusätzliche Kernkraftabgabe einen solchen Öko-Fördertopf speisen. Die Industrie kämpft gegen die zusätzliche Belastung und droht damit, Atommeiler herunterzufahren, wenn die Belastung zu groß wird.

Können RWE, Eon und Co. einfach so AKWs abschalten, wie sie gedroht haben?

Nicht ohne weiteres: Ein Kernkraftwerk kann man nicht wie eine Schraubenfabrik schließen, die Atomaufsicht hat da ein Wort mitzureden. Die Betreiber können aber die Leistung drosseln, was oft gemacht wird. Das wäre auf die Dauer jedoch teuer, der Meiler müsste weiter überwacht und gewartet werden. Hinzu kämen die Kosten für den Kauf des Stroms an der Börse, um die Lieferverpflichtungen erfüllen zu können.

Wo ist der Zusammenhang zwischen Brennelemente- Steuer und Laufzeitverlängerung?

Zunächst gibt es einen fiskal-arithmetischen Zusammenhang. Je länger die Atommeiler laufen, desto mehr Geld könnte der Bundesfinanzminister einnehmen. Im Koalitionsvertrag haben sich Union und FDP darauf festgelegt, die zusätzlichen Gewinne der Energiewirtschaft aus länger laufenden AKWs zumindest zum Teil abzuschöpfen. Die Industrie ist damit sogar einverstanden, wenn es um nicht viel mehr als die Hälfte der Zusatzgewinne geht. Der Bundesfinanzminister allerdings hat das Geld schon einmal gebucht, ohne dass man sich über Laufzeitverlängerung geeinigt hat. Er will das Geld in jedem Fall und auch schon vom nächsten Jahr an.

Drohen Stromaus- fälle, wenn man die AKWs zu früh stilllegt?

Gemessen an der Produktionskapazität, besteht erst einmal keine Gefahr. Zuletzt hat Deutschland viel Strom exportiert, selbst als AKWs wegen Wartungsarbeiten und Reparaturen stillgelegt waren. Zudem sind als Ersatz für stillgelegte Reaktoren neue Kohle- und Gaskraftwerke vorgesehen. Allerdings gibt es gegen neue Kraftwerke, die mit fossiler Energie betrieben werden, heftige Proteste. Schließlich kann Strom immer noch importiert werden. Die Gefahr droht eher von überlasteten Hochspannungsleitungen- und -netzen. Bis 2020 müssten 40 Milliarden Euro in neue Nord-Süd-Netze gesteckt werden, um Windenergie zu den Großverbrauchern zu bekommen. Doch der Ausbau stockt, Bürger wehren sich gegen neue Hochspannungsleitungen.

Wann geht es ohne Atomstrom?

Das ist eine Preisfrage. Es ginge sofort, wenn man keine Rücksicht auf die Klimabilanz und auf die Kosten nehmen und auf Import setzen wollte. Alte und neue Kraftwerke mit fossilen Brennstoffen könnten zuverlässig Strom liefern.

Was ist mit Ökostrom aus Sonne, Wind und Wasser?

Die erneuerbaren Energien steuern jetzt schon rund 16 Prozent zur Stromerzeugung bei, an windigen oder sonnigen Tagen deutlich mehr, sonst auch mal weniger. In diesem Rekordsommer gelangte an einigen Tagen fast 8000 Megawatt Solarstrom ins Netz, was der Leistung von sieben Meilern entspricht. Doch Sonne und Wind sind unstet. Um einen grünen Grundlast-Strom zu garantieren, fehlen Speicher. Die erneuerbaren Energien sind bis zum Jahr 2025 nicht in der Lage, Deutschland sicher und rund um die Uhr mit Strom zu versorgen. Deshalb gibt es derzeit nur zwei Optionen: Entweder verlängert man die Laufzeiten der Kernkraftwerke oder man muss neue Kohle- und Gaskraftwerke bauen, um die Lücke bei der Energieversorgung zu schließen.

Verzögert die Kernkraft den Öko-Strom?

Ein "grünes" Argument gegen längere Laufzeiten besagt, dass Atom-Strom die Netze verstopft und damit den Ausbau der Öko-Energie blockiert. Dieser Einwand sticht indes so lange nicht, so lange es einen gesetzlichen Vorrang für Öko-Strom gibt. Die Konzerne müssen diesen teuren Strom abnehmen, dessen Mehrkosten über eine Umlage auf die Kunden umgewälzt werden.

Was will Bundeskanzlerin Angela Merkel ?

Das hat sie noch nicht genau verraten. Die Naturwissenschaftlerin hat keine grundsätzlichen Vorbehalte gegen die Nutzung der Kernkraft für friedliche Zwecke. Gleichzeitig förderte sie schon als Bundesumweltministerin die erneuerbaren, Energien. Sie sieht den Klimawandel als ernste Bedrohung und sie will dem Industrieland Deutschland günstigen Strom sichern. Gleichzeitig wünscht sie Frieden in den eigenen Reihen und Wahlsiege in einer Bevölkerung, die Kernkraftwerke und vor allem Laufzeitverlängerungen eher ablehnend gegenübersteht.

Und wie geht es weiter?

Die Kanzlerin besucht gerade Kraftwerke aller Art. In wenigen Tagen will die Bundesregierung ihr Energiekonzept erklären. Berechnungen mit unterschiedlichen Szenarien (AKW-Laufzeitverlängerung von 4 bis 28 Jahren) sollen nächste Woche vorliegen, danach beraten die Koalitionsfraktionen. Ende September will das Kabinett Eckpunkte für die künftige Energieversorgung festschreiben – und damit auch die Rolle der Kernkraft. Dann geht das Gesetzgebungsverfahren los. Liefe alles glatt, könnte es Anfang März nächsten Jahres abgeschlossen sein.

 

Quelle: FAZ

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