„Nachhaltigkeit ist ohne Kunst nicht zu haben“

>> Sep 02, 2010

Was Kunst und Kultur zur Vermittlung des Leitbilds der nachhaltigen Entwicklung leisten können, zeigen mehr als 40 Künstlerinnen und Künstler aus aller Welt zwischen dem 03. September und 10. Oktober in den Berliner Uferhallen in der Ausstellung Zur Nachahmung empfohlen! Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit. Adrienne Goehler verantwortet die künstlerische Leitung dieser Schau. Im Interview erklärt die frühere Präsidentin der Hamburger Hochschule für bildende Künste und ehemalige Berliner Senatorin für Wissenschaft, Forschung und Kultur, was Kunst mit Zukunftsfähigkeit zu tun hat – und warum sie einen „Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit“ für sinnvoll hält.

Frau Goehler, Sie wollen dazu ermutigen, „die kulturelle und ästhetische Dimension der Nachhaltigkeit“ ins Bewusstsein zu rücken. Wie soll das gehen? 

Durch die Auflösung von Grenzen, die Kunst, Wissenschaft, Aktivismus und Erfindungen heute noch trennen. Für Nachhaltigkeit und Zukunftsfähigkeit müssen wir unsere Wahrnehmung davon erweitern, wie diese Disziplinen zusammenwirken. Ziel der Ausstellung ist, disziplinübergreifende Expeditionen in Ästhetik und Nachhaltigkeit anzuregen.

Wo kann man das in Ihrer  Ausstellung sehen?

Wir stellen Künstlerinnen und Künstler vor, die sich seit langem mit dem Spannungsverhältnis zwischen Natur und Kultur beschäftigen. Der in New York lebende Clement Price-Thomas zeigt zum Beispiel „atmende“ Laubhaufen und verändert damit unsere Wahrnehmung von Naturphänomenen. Oder nehmen Sie die 1.000 schmelzenden Eisskulpturen der brasilianischen Künstlerin Néle Azevedo. Ihr Werk vermittelt einen unmittelbaren, auch poetischen Eindruck von den Folgen des Klimawandels.

Kunst kann ein Seismograf gesellschaftlicher Veränderung sein. Trifft das auf die Exponate Ihrer Ausstellung zu?

Gewiss, sonst hätte die Ausstellung eine wichtige Aufgabe der Kunst verfehlt. Aber der Anspruch der Ausstellung geht weit darüber hinaus: Die Künstlerinnen und Künstler wollen eine veränderte kulturelle Praxis anregen. Es geht also auch um Lösungen, die technische und künstlerische Erfindungen im Sinne der Nachhaltigkeit anbieten.

Haben Sie Beispiele für solche Lösungen?

Die Hamburgerin Susanne Lorenz und andere zeigen Experimente zur Reinigung von Wasser. Oder schauen Sie auf die Arbeiten der koreanisch-amerikanischen Künstlerin Jae Rhim Lee. Sie erforscht ein „Infinity Burial System“, ein ökologisches Bestattungssystem, vor allem für dicht besiedelte Regionen der Welt.

Das ist Kunst?

Genau diese Frage werfen wir auf: Ist das Kunst, ist das Wissenschaft, ist das Praxis – oder etwas dazwischen? Und wer oder was erweitert da wen? Denn einerseits greifen die ausstellenden Künstler für ihre Arbeiten auf die Wissenschaft zurück. Andererseits reflektieren sie sie kritisch, so wie der Ungar Antal Lakner, der sich in seinen Arbeiten mit den sozialen Folgen wissenschaftlicher Erkenntnisse auseinandersetzt.

Können Ausstellungen wie Ihre oder Kunst und Kultur allgemein Nachhaltigkeit besser oder eingängiger vermitteln als zum Beispiel die Worte von Politikern oder Wissenschaftlern?

Davon gehen wir aus, sonst würden wir die Ausstellung nicht machen. Die deutsch-amerikanische Publizistin Hannah Arendt hat gesagt: „Was kann Kunst, was andere nicht können?“ Ihre Antwort: „Sie kann Öffentlichkeit herstellen.“

Was wird bei Herstellung von Öffentlichkeit zum Thema Nachhaltigkeit in Deutschland falsch gemacht?

Es fehlt an Anknüpfungspunkten zur Veränderungsbereitschaft der Menschen. Wer über Nachhaltigkeit redet, tut das oft mit dem moralischen Zeigefinger oder predigt Verzicht – statt zu ermutigen und Lust und Leidenschaft an eigenen Veränderungen zu wecken. Um das zu erreichen, braucht es künstlerische Mittel. Ohne sie ist nachhaltige Entwicklung nicht zu haben. In Manifesten und gewichtigen Reden zur Nachhaltigkeit wird ja auch schon oft von Kultur als unverzichtbarer Dimensionen der Nachhaltigkeit geredet. Nur folgt auf diese Einsicht kein praktisches Handeln.

Wie kann man das ändern?

Eine Chance wäre die Einrichtung eines „Fonds für Ästhetik und Nachhaltigkeit“. Ein Fonds, der die Erforschung künstlerischer, erfinderischer und wissenschaftlicher Fragestellungen zur Nachhaltigkeit fördert, dabei bewusst Ressortgrenzen überschreitet und vor allem transdisziplinären Fragen nachgeht.  Ein solcher Fonds wäre auch der richtige Ort für mehr Ehrlichkeit. Ein Ort, an dem auch die Politik mal zugeben könnte, dass sie im Moment nicht genau weiter weiß. Ein Ort also, an dem wir uns verabschieden können von Ewigkeitsstatements und stattdessen ausprobieren und tasten, ohne Anspruch auf Unfehlbarkeit.

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