Privatwirtschaft will Regeln

>> Oct 06, 2010

Yvonne von Hunnius: Auf dem bevorstehenden internationalen Seminar des Club of Rome und der Life Klimastiftung in Vaduz werden Klima, Energie und die jüngste Wirtschaftskrise diskutiert. Welche Grundannahmen müssen diesbezüglich in Frage gestellt werden?

Ian Johnson:Diese drei Herausforderungen scheinen auf den ersten Blick unabhängig voneinander zu sein – die zugrunde liegenden Phänomene sind es aber überhaupt nicht. Erstens: Finanzen sind für viele ein typisch kurzfristiges Thema: Es geht vor allem um den Return-on-Investment auf Jahresfrist. Wir sehen uns aber mit viel langfristigeren Problemen konfrontiert: Unsere Perspektive in Klimafragen erstreckt sich über viele Jahrzehnte. Das grosse Problem ist, dass Märkte viel eher auf kurzfristige Einflüsse reagieren. Ähnliches gilt für Politiker. An diesen Schnittstellen brauchen wir ein neues Denken. Zweitens sind heute die von vielen Geschäftsmodellen verursachten externen Kosten höher als die intern erwirtschafteten Gewinne. Egal ob wir über Emissionen, Ressourcenverbrauch oder Abfallprodukte reden – vielfach werden solche Faktoren nicht ausreichend oder gar nicht von den Märkten eingepreist. Die Antwort hierauf kann nicht sein, dass Märkte sich so etwas nicht leisten könnten. Die Antwort liegt in mehr Kreativität in der Gestaltung von Märkten. Das klassische Beispiel ist der Klimawandel und die ihn verursachenden Emissionen.

Yvonne von Hunnius:Als früherer Weltbank-Manager sind Sie zahlreichen Investitionsmodellen begegnet – welches könnte helfen, das Ziel “ehrlicher“ Marktpreise zu erreichen?

Ian Johnson:Verantwortungsvolles Investieren setzt verantwortungsvolle Rahmenbedingungen für Investitionen voraus. In der Wirtschaft, auch in Liechtenstein, ist der Wille gross, verantwortungsvoll zu handeln. Das ist aber schwierig, wenn der politische Rahmen fehlt. Es ist beispielsweise unmöglich, einen Emissionshandel zu schaffen, wenn die Politik die Entstehung dieses Marktes nicht erleichtert. Deshalb müssen wir natürlichen Ressourcen einen Marktpreis geben, erst dann kann der Markt verantwortungsvoll mit ihnen wirtschaften. Auf nationaler wie internationaler Ebene brauchen wir deshalb konstruktive und fördernde Rahmenbedingungen.

Yvonne von Hunnius:Bei einer kürzlichen Rede in Vaduz sagten Sie, Überregulierung sei nicht das Problem einer neuen Finanzmarktarchitektur, es zähle nur die Frage nach gut oder schlecht…

Ian Johnson:Mein Standpunkt ist: Es geht nicht um zu viel oder zu wenig Regulierung, sondern um die richtige Art der Regulierung. Ich glaube, die Privatwirtschaft will Regeln, die vorhersehbar, stabil und im wohl verstandenen öffentlichen Interesse sind. Es geht um die langfristige Sicht. Ansonsten werden Investoren nicht längerfristig investieren.Ich glaube, dass wir beides brauchen: einen verantwortlichen Privatsektor und eine intelligente öffentliche Politik, die Rahmenbedingungen setzt, Motivation und Anreize schafft, zugleich aber dem Markt gestattet, so schöpferisch zu sein, wie der Markt nur sein kann.

Yvonne von Hunnius:Letztes Jahr hat Dennis Meadows in Zürich gesagt: “Die Annahme, Gewinnmaximierung sei das Ziel der Gesellschaft, ist für den Klimawandel falsch.” Wie denken Sie darüber?

Ian Johnson:Ich glaube, finanzielle Profitabilität und umweltpolitische Verantwortung können Hand in Hand gehen, müssen es aber nicht notwendigerweise. Wenn wir beschliessen, es lohne sich eher, in immer teurere und gefährlichere Ölressourcen zu investieren, wie es gerade geschieht, als die gleiche Investitionssumme in alternative Energien zu stecken, ist das unverantwortlich. Damit ist auf kurze Sicht Geld zu verdienen, langfristig führt es zu Verlusten. Zwar werden Märkte bereits seit Jahrzehnten reguliert, die Welt des 21. Jahrhunders stellt uns aber vor neue Herausforderungen: Jetzt brauchen wir neue Standards, die die zeitliche Perspektive strecken, um längerfristige Investitionen zu ermuntern.
Noch komplexer ist die Frage der Beschäftigung, Jobs werden eines der Hauptprobleme dieses Jahrhunderts.

Yvonne von Hunnius:Was werden nach Ihrer Einschätzung die Triebkräfte für eine nachhaltige Entwicklung sein?

Ian Johnson:Ich glaube, das System ist von vielen Seiten unter Druck. Zunächst verstehen wir allmählich mehr von den Systemgrenzen. Vor zehn Jahren musste ich bei der Weltbank darum kämpfen, dass Investoren sich mit Themen wie Klimawandel oder dem Verlust an Biodiversität beschäftigten. Heute beschäftigt sich jeder damit. Die wissenschaftlichen Erkenntnisse der vergangenen Jahre haben einen Kulturwandel bewirkt. Und es gibt viele Engagierte im privaten und öffentlichen Sektor und bei den Nichtregierungsorganisationen, die sich mit den drängenden globalen Trends unserer Zeit und ihren Auswirkungen auf Politik und Wirtschaft beschäftigen. Wir erleben heute, dass viele Menschen eine Tendenz in Richtung grösserer Verantwortlichkeit für unseren Planeten anstossen.
Desweiteren ist Verantwortung ein gutes Geschäft. Unternehmen, die sich nicht nur den Anschein geben, sozial und ökologisch verantwortlich zu handeln, sondern dies auch tun, werden in zehn Jahren noch im Geschäft sein, während viele andere, die sich einzig auf kurzfristige Profitmaximierung konzentrieren, verschwunden sein werden. Wir beobachten schon jetzt eine Verlagerung zu verantwortungsvollen Investitionen. In den USA fliesst einer von neun angelegten Dollars in “responsible investments“. Investoren wollen eben nicht nur finanziellen, sondern auch psychologischen Gewinn.

Yvonne von Hunnius:Sie sind auch bei der Londoner Emissions- und Klimaschutzberatung IDEAcarbon engagiert. Die USA machen beim weltweiten CO2-Handel derzeit nicht mit – hat das zur Folge, dass der Emissionshandel stirbt?

Ian Johnson:Es gibt durchaus einen Emissionshandel in den USA. Auch dort macht sich ein wachsendes Bewusstsein für den Klimawandel breit. In den USA wurden ökologische Marktmechanismen schliesslich erfunden und momentan entstehen Plattformen wie ein freiwilliger Markt in Chicago, ein weiterer in Kalifornien wird diskutiert.
Natürlich wäre es besser, die USA als Akteur im globalen CO2-Handel dabei zu haben. Aber es wäre ungerecht, so zu tun, als täten sie nichts. Unglückliche Umstände haben in den USA ein umfassendes Klima-Gesetz verhindert, doch es ist nicht tot. Ich bin zuversichtlich, dass die USA in den Markt eintreten werden – ob in einem, zwei oder drei Jahren, sie werden kommen.

Yvonne von Hunnius:Aber wie können Entwicklungsländer von diesen Strukturen profitieren? Brauchen wir dazu Modelle in Kooperation mit Rückversicherungen?

Ian Johnson:In den nächsten fünf oder zehn Jahren wird der Klimawandel in alle Lebensbereiche vorgedrungen sein. Wir werden den Klimawandel zu spüren bekommen und er wird unsere gesamte Wertschöpfung beeinflussen. Die Rückversicherungen sind meines Erachtens in dieser Hinsicht langsam. Sie haben eigentlich einen Wettbewerbsvorteil, denn sie verstehen es, Risiken zu bündeln und einzugrenzen. Risikoprämien und Rückversicherungen sind das eine. Auf einem anderen Blatt steht, dass ärmere Länder auf breiter Front Länder investieren müssen, um die härtesten Folgen des Klimawandels abzufangen. Verbleibende Risiken, etwa in der Landwirtschaft, können dann versicherungstechnisch gedeckt werden.
Allerdings werden wir begreifen müssen, dass der Klimawandel ein im Detail schwer vorhersagbarer Prozess ist, der nicht linear abläuft. Hiergegen lässt sich nur sehr schwer eine Versicherung finden. Wir müssen an neue Partnerschaften denken, die sowohl das private wie das öffentliche Risiko tragen. Es braucht viel mehr Einfallsreichtum, privates und öffentliches Geld zusammenzubringen.

Yvonne von Hunnius:Ist DESERTEC dafür ein gutes Beispiel? Schliesslich basiert es auf einer Idee des Club of Rome…

Ian Johnson:Die Idee wurde aus der deutschen Organisation des Club of Rome geboren. Gerade bei der Grundidee von DESERTEC bezüglich Solarstrom für Europa aus den Wüsten der Sahara – gibt es natürlich viele Risiken. Aber mit Blick auf Europas Energiezukunft existieren eigentlich nur vier Alternativen: Kernenergie mit ihren Nachteilen und Problemen – Kohle mit der Möglichkeit, CO2 abzuscheiden, was aber noch nirgendwo erprobt worden ist – umfangreiche Effizienzgewinne und erneuerbare Energien. Wenn sich erneuerbare Energie rechnen soll, muss sie im grossen Stil produziert werden. Und das ist das Spannende an Desertec, denn es zeigt mit unterschiedlichsten Partnern auf: So sähe es aus, wenn wir 15 bis 20 Prozent des europäischen Energiebedarfs aus Solarstrom lieferten.

Yvonne von Hunnius:Liechtenstein wird kaum ein zweites Desertec aufbauen, aber welche finanziellen Vermittlerdienste können Liechtenstein oder auch die Schweiz in den neuen Märkten für Energie und Emissionen leisten?

Ian Johnson:Kleine Länder können sich oft überproportional einbringen, denn sie können unabhängig agieren. Diese Art von Unabhängigkeit ist ein Riesenvorteil. In einem kleinen Staat wird man nicht von einem mächtigen Aussenministerium in eine Richtung gedrängt. Der zweite Punkt ist natürlich: Liechtenstein wie auch die Schweiz verfügen über grosse Erfahrung als internationaler Finanzplatz. Somit glaube ich, Liechtenstein ist besonders für aufstrebende Volkswirtschaften ein guter Partner, eben weil es objektiv und unabhängig agieren kann. Es kann Finanzierungen für High-Tech-Lösungen zur Effizienzsteigerung unterstützen sowie technische Vorhaben mit Finanzmarktlösungen zusammenbringen. Sehr oft findet man sich mit guten Ideen im Death-Valley wieder: Sie scheitern an einem bestimmten Punkt ihrer Realisierung, weil es keine Finanzierung gibt, die einen Markteintritt auf breiter Front ermöglicht. Das ist ein Gebiet, auf dem finanzieller Erfahrungsschatz von grossem Wert ist.

Yvonne von Hunnius:Wird Liechtenstein aus globaler Sicht als Förderer grüner Märkte gesehen?

Ian Johnson: Ich kann nicht für die Welt sprechen, aber Liechtenstein wird wahrscheinlich noch immer von vielen als OECD-offshore-Bankenplatz angesehen. Bei einer Reihe von Besuchen in Liechtenstein habe ich jedoch festgestellt, dass es ein echtes Interesse gibt, dieses Bild zu ändern. Und ich bin davon beeindruckt, mit welcher Intensität und mit welchem Interesse die Debatte über dieses Thema geführt wird. Noch bewegt sich dieses neue Denken in einem kleinen Rahmen, zukünftige Entwicklungen in dieser Richtung werden aber mit Sicherheit international sehr interessiert verfolgt werden.
 
Zur Person:
Ian Johnson ist Generalsekretär des Club of Rome. Der Brite war von 1998 bis 2006 Direktor für Nachhaltigkeit der Weltbank. Bevor er 1980 zur Weltbank gestossen war, hatte er für die UNICEF in Bangladesh und als Ökonom für die britische Regierung gearbeitet.
Heute ist er zudem in der Londoner Emissions- und Klimaschutzberatung IDEAcarbon als Berater tätig.

 

Geschrieben von: Yvonne von Hunnius, Vaduz 04.10.10

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