Weltklimagipfel in Cancún – Vor einem diskreten Scheitern

>> Nov 29, 2010


Vor einem Jahr war Weltklimagipfel – und alle Welt redete darüber. Das Wort Kopenhagen wurde zu einem Synonym für das Treffen in der dänischen Hauptstadt und ist es bis heute geblieben. Dieses Jahr ist wieder Weltklimagipfel. Er beginnt an diesem Montag und endet am Freitag der kommenden Woche. Doch wo findet er statt? Diese Frage werden viele Menschen nicht beantworten können.

Im Gegensatz zum letzten Gipfel werden in diesem Jahr nicht einmal die Staats- und Regierungschefs an der Zusammenkunft in der mexikanischen Stadt Cancún teilnehmen. Dass sich dieses Treffen in das öffentliche Gedächtnis einbrennen wird, steht nicht zu erwarten. Dafür war das Scheitern der Verhandlungen in Kopenhagen zu deutlich. Und wenig anderes ist für diesen und künftige Klimagipfel zu erwarten.

Vor Kopenhagen gab es große Hoffnungen, dass es gelingen könnte, international verbindliche Ziele für die Reduktion von Treibhausgasen zu vereinbaren und ein globales Emissionshandelssystem zu etablieren. Doch es kam nicht mehr heraus als das völlig unverbindliche Bekenntnis der Teilnehmer, die Erderwärmung bis 2050 auf 2 Grad gegenüber dem vorindustriellen Niveau zu begrenzen. Die Empörung war daraufhin groß. Vielen Ökonomen war freilich schon vor Kopenhagen klar, dass es keine verbindliche Übereinkunft geben würde. Sie haben sich darüber auch nicht empört, selbst wenn sie der Auffassung sind, dass ein verbindliches Abkommen dem Klimawandel Einhalt gebieten könnte. Hinter dem Scheitern der Verhandlungen steht nämlich eine ökonomische Logik, die man so hinnehmen und nicht verurteilen sollte.

Bekämpfung der Armut wichtiger als Klimaschutz

Im Mittelpunkt der Überlegungen stehen China und die Vereinigten Staaten. China ist in kurzer Zeit zu einem großen Spieler auf den Märkten der Welt geworden. Weil wirtschaftliche Entwicklung Energie braucht, ist das Land inzwischen der größte Emittent des Treibhausgases Kohlendioxid auf der Welt. Dies gilt allerdings nur in absoluten Zahlen; je Kopf liegt der Ausstoß des Schwellenlandes immer noch deutlich hinter dem der Industrieländer. Chinas Bevölkerung ist groß und in weiten Teilen arm. Das Entkommen aus der Armut ist ihr wichtiger als der Schutz des Klimas, dessen Wirkungen schwer zu kalkulieren sind und die zudem in der ferneren Zukunft liegen. Das ist verständlich.

Die Chinesen pochen deshalb darauf, dass Klimaschutz zunächst Sache der Industrieländer sei. Wenn die entwickelte Welt wolle, dass die Chinesen stärker in den Klimaschutz investierten, dann müsse sie das finanzieren. Dieser chinesischen Forderung erteilen die Vereinigten Staaten freilich eine entschiedene Absage: Sie wollen einen Konkurrenten nicht mit Geld- und Techniktransfers unterstützen.

Indien und China stehen erst am Anfang

An dieser Konstellation wird sich lange Zeit nichts ändern. China steht erst am Anfang seiner ökonomischen Entwicklung, die es vor allem mit dem Verfeuern relativ billiger und noch lange Zeit reichlich vorhandener Kohle vorantreiben wird. Nach manchen Schätzungen wird in dem Land in den nächsten zehn Jahren jede Woche ein neues Kohlekraftwerk ans Netz gehen. Ähnlich ist die Lage in Indien. Diese wirtschaftlichen Kräfte sind enorm. Dagegen muten die Vorschläge zur Wiederbelebung der internationalen Klimaverhandlungen, die derzeit auf dem Markt sind, kraftlos an. Wenn etwa gefordert wird, zum Schutze des Klimas gleichzeitig auf Klimaverhandlungen, Entwicklungshilfe, Menschenrechte und Gerechtigkeit zu setzen, dann klingt das utopisch.

Es wird also auf absehbare Zeit kein Klimaabkommen geben. Was bedeutet das für Deutschland? Hierzulande hat man gerade ein Energiekonzept beschlossen, das seinesgleichen sucht. In vierzig Jahren soll kaum noch Kohlendioxid aus deutschen Industrieanlagen in die Luft geblasen werden. In dem Gutachten, auf dem das Konzept beruht, sagen die Energieökonomen aber voraus, dass Deutschland seinen ehrgeizigen Weg nicht wird durchhalten können, wenn es nicht bis 2020 eine gesicherte Aussicht auf ein verbindliches Klimaabkommen gibt.

Kein Siegeszug ohne Klimaabkommen

Auch diese Argumentation folgt einer stringenten ökonomischen Logik. Wenn die Energiepreise nur hierzulande steigen, weil kohlendioxidarme Techniken subventioniert werden, dann werden in einer globalisierten Welt die energieintensiven Industrien zu einem guten Teil ins Ausland abwandern. Das richtet in Deutschland beträchtlichen wirtschaftlichen Schaden an, hilft dem Klima, das keine nationale Angelegenheit ist, aber nicht.

Dagegen mag man einwenden, dass die Energiepreise vor allem steigen, weil hier zukunftsträchtige Formen der Energieerzeugung – die erneuerbaren Energien – gefördert werden, die bald auf der ganzen Welt zur vorherrschenden Form der Energieerzeugung werden. Dies wird sich wohl als frommer Wunsch erweisen. Zum einen sind noch viele technische Fragen ungelöst, die man beantworten müsste, bevor die erneuerbaren Energien ihren Siegeszug antreten können. Zum anderen brauchte es einen relativ hohen Weltmarktpreis für Kohlendioxid, damit sich ihr uneingeschränkter Einsatz zum Beispiel auch in China lohnt. Voraussetzung dafür wäre aber ein globales Klimaabkommen.

Text: F.A.Z.

« previous: 
» next: