„Wir müssen über CO2-Zölle reden“

>> Nov 30, 2010

Ottmar Edenhofer sieht Klimapolitik als Verteilungskampf um einen knappen Deponieraum. Zur Bewirtschaftung empfiehlt er den Emissionshandel, Kohlendioxid-Steuern und CO2-Zölle. Auf der Weltklimakonferenz in Cancún wird seit diesem Montag darüber beraten, wie der Temperaturanstieg auf der Welt begrenzt werden kann. Dabei geht es aber vor allem um wirtschaftliche Fragen. Denn Klimaschutz kostet viel Geld und führt zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen.

Herr Edenhofer, Deutschland will den Energieverbrauch bis 2050 halbieren, die Welt ihren nach Schätzungen der Internationalen Energieagentur bis 2050 verdoppeln. Der Abschied vom Kohlenstoff wird sich noch hinziehen?

Ohne weltweites Klimaschutzabkommen wird sich der Energieverbrauch tatsächlich verdoppeln, mindestens. Die entscheidende Frage ist, in welchem Ausmaß die Emissionen zunehmen. Kommt es zu keiner ambitionierten Klimapolitik, würden sich die Emissionen verdoppeln, und die Folgen wären gravierend.

Was würde das bedeuten?

Wenn man die eher unverbindlichen Zusagen nimmt, welche die Staaten nach der Klimakonferenz von Kopenhagen freiwillig gegeben haben, kommt man auf einen Temperaturanstieg von 3,5 Grad bis zur Jahrhundertmitte gegenüber dem vorindustriellen Zeitalter. Verträglich wären vielleicht 2 Grad, wenn wir Risiken begrenzen wollen. Ohne verbindliche Klimapolitik könnten wir bis zum Ende des Jahrhunderts aber bei 4 bis 5 Grad landen. Das ist eine Zone, die man mit gutem Recht als gefährlichen Klimawandel bezeichnen kann.

Was würde passieren?

Wir wissen nicht genau, was geschehen würde, aber wir gingen beträchtliche Risiken ein, wie zum Beispiel die Störung der biologischen Pumpe im Ozean, das Austrocknen der Regenwälder, den zunehmenden Anstieg des Meeresspiegels oder die Verminderung der Agrarproduktion in Afrika.

Steigende Preise für Öl und Gas würden die Nachfrage dämpfen, die Emissionen also verlangsamen.

Ein hoher Ölpreis hilft dem Klimaschutz nicht – im Gegenteil. Denn ein hoher Preis macht es lohnend, die Exploration auf fossile Vorkommen auszuweiten, deren Erschließung bislang zu teuer war, oder es wird auf die Kohleverflüssigung gesetzt. Es werden neue Öl- und Gasfelder gefunden, die Kohlenutzung vor allem in China, Indien, Amerika wird ausgeweitet. Das beschleunigt die Wachstumsrate der Emissionen.

Klimapolitik ist also Wirtschaftspolitik und Ressourcenbewirtschaftung?

So ist es. Wir haben 12 000 Gigatonnen Kohlenstoff im Boden, in Form von Kohle, Öl und Gas. Wir können noch 230 Gigatonnen netto in der Atmosphäre ablagern, wenn die Temperatur nicht um mehr als 2 Grad steigen soll. Dabei ist einkalkuliert, dass wir mit Biomasse und CO2-Speicherung 200 Gigatonnen aus der Atmosphäre entziehen können. Klimapolitik wird sich nicht von selbst durch den Druck der Märkte durchsetzen, weil fossile Energieträger knapp werden. Sondern es ist die Aufnahmefähigkeit des Deponieraumes der Atmosphäre, die den begrenzenden Faktor darstellt. Folglich müssen wir einen großen Teil der Kohle-, Öl- und Gasvorräte im Boden lassen. Das mindert Einkommen und Vermögen der Ressourcenbesitzer – und das wollen die natürlich nicht.

Verständlicherweise. Wie wollen Sie die dennoch dazu bewegen?

Jeder Strukturwandel hat zu einer Umverteilung von Einkommen und Vermögen geführt. Auch die Besitzer von Kohle, Öl und Gas können in neue Technologien investierten und zu Gewinnern des Strukturwandels werden. Es kommt darüber hinaus darauf an, dass der Lastenausgleich gerecht ist. Wir müssen uns darauf einigen, wie viel Deponieraum in der Atmosphäre wir nutzen wollen. Die Emissionsrechte würden zum Beispiel nach einer Pro-Kopf-Verteilung auf die Staaten verteilt.

Jeder Deutsche dürfte noch 2 statt 10 Tonnen CO2 im Jahr emittieren?

Darauf liefe es hinaus. Das würde eine erhebliche Umverteilung bewirken, vor allem zugunsten von Afrika und Indien. Das wäre der einzige Weg, zu einem globalen Abkommen zu kommen, das Schwellen- und Entwicklungsländer als fair empfinden. Immerhin haben sich vor allem die Industrieländer der Atmosphäre als Abfallhalde für ihre CO2-Abgase bedient. Daraus ergibt sich für die Industrieländer vor allem die Verpflichtung, klimafreundliche Technologien zu entwickeln. Dadurch müsste die Atmosphäre nicht weiter als Deponie genutzt werden.

Für die Industriestaaten hieße das Konsumverzicht: Es wird nicht wärmer, wir werden aber ärmer?

Nein. Mit Innovationen können wir das Problem lösen, ohne dramatisch auf Konsum verzichten zu müssen. Die Verteilung des Kohlenstoffbudgets wird das Problem nicht lösen. Dann werden Klimaverhandlungen zum Nullsummenspiel. Die Emissionen, die dem einen zugestanden werden, fehlen dem anderen.

Elektroautos, grüner Strom und regionale Biokartoffel reichen nicht?

Regionale Ansätze reichen nicht. CO2, das wir nicht verbrauchen, würden andere nachfragen. Das sehen wir an der Entwicklung des Außenhandels. Die hohen Leistungsbilanzüberschüsse Chinas spiegeln einen riesigen Strom an CO2-Emissionen nach Europa und Amerika wider. Wir verlagern damit nur unsere CO2-intensive Produktion, China ist die Werkbank der Welt. Wenn Europa und Amerika ihre Emissionen reduzieren, die in China anfallen, dann können wir gern in Berlin mit Elektroautos fahren. Das rettet das Weltklima nicht. Wir müssen klären, wie wir das Gemeinschaftsgut Atmosphäre nutzen wollen, alle wichtigen Emittenten müssen an den Tisch.

Ihr Kollege Sir Nicolas Stern hat angemerkt, man müsse Amerika auf Dauer den Export klimaschädlicher Produkte verbieten. Umso mehr auch China?

Verbieten nicht, aber ein Preisschild draufkleben. Wenn man sich die weltwirtschaftliche Arbeitsteilung anschaut und sieht, wer Emissionen netto exportiert, dann wird man am Ende über CO2-Zölle nachdenken müssen. Auf längere Sicht wird es unausweichlich sein, Importe nach dem Kohlenstoffgehalt zu besteuern, wenn wir ernsthaft Klimaschutz betreiben wollen.

Das klingt nicht nach dem Lehrbuch.

Wir reden nicht über einen Zolltarif, der die heimische Wirtschaft schützen soll. Es geht darum, sich gegen externe Effekte zu schützen. CO2-Zölle könnten helfen, eine „Koalition der willigen Klimaschützer“ zu stabilisieren.

Wie bewerten Sie die Rolle Chinas, das mehr CO2 emittiert als Amerika?

Ein Teil der Emissionen Chinas ist auf die Produktion unserer Konsumgüter zurückzuführen. Politisch hat China eine große Scheu davor, sich international zu binden und das Ausland über seinen Energiemix mitreden zu lassen. Ich bin mittelfristig nicht pessimistisch. Das Land will die Emissionen senken, seine Energieeffizienz steigern. Es hat sich ambitionierte Ziele gesetzt mit dem 12. Fünfjahresplan. China weiß, dass es durch Klimawandel sehr verletzbar ist.

Aber es lehnt ein CO2-Abkommen ab.

Es könnte China erleichtert werden, wenn Verhandlungen zunächst zwischen den wichtigsten Emittenten geführt werden – also zwischen Europa, China, Indien, Brasilien, Russland und Amerika, um die Schwerfälligkeit des UN-Prozesses zu vermeiden. Aber am Ende wird ein globales Abkommen in der Klimarahmenkonvention benötigt werden.

Klima-Verhandlungen fänden zunächst besser in der Gruppe der 20 statt?

Die G 20 wäre ein guter Rahmen. Man müsste auch die subnationale Ebene, die Megastädte, einbeziehen. Bis 2020 stehen in Asien große Investitionen in die Infrastruktur an: Kraftwerke, Stromnetze, Straßen, Wohnungen, alles hochgradig CO2-relevant. Wenn das installiert ist, dann wird Klimaschutz richtig teuer.

International spielt Emissionshandel keine Rolle. Selbst den Europäern fällt es schwer, ihn umfassend zu nutzen.

Es gibt zum Emissionshandel keine Alternative. Viele Länder, auch China, haben ernsthafte Pläne für einen Emissionshandel. Europa müsste seinen CO2-Handel reformieren. Wenn Emittenten wie der Wärme- und Verkehrssektor neben der Industrie in den Handel einbezogen würden, können die Reduktionsziele billiger erreicht werden.

Die Bundesregierung will den CO2-Ausstoß bis 2020 sogar unilateral um 40 Prozent senken. Ist das sinnvoll?

Die CO2-Minderungen sind nur sinnvoll, wenn sie in einen reformierten europäischen Emissionshandel eingebettet werden. 40 Prozent Minderung scheinen mir für Deutschland machbar zu sein. Die Frage ist, ob das allein im Stromsektor erbracht werden muss. Ich staune darüber, welch ambitionierte Ziele das Energiekonzept enthält, aber wie wenig über die Mittel gesprochen wird, mit denen die erreicht werden sollen.

In Cancún ist Waldschutz ein Thema. Industriestaaten sollen Entwicklungsländer dafür bezahlen, dass sie ihren Regenwald als Kohlenstoffspeicher stehen lassen. Ist das ein Fortschritt?

Waldschutz gilt vielen als eine preiswerte Option, den CO2-Ausstoß zu vermeiden. Ich bin da nicht so sicher. Es klingt vernünftig, Kompensationen dafür zu zahlen, dass der Regenwald nicht abgeholzt wird. Aber es muss sichergestellt sein, dass die Versprechen halten und am Ende der Wald nicht doch gerodet wird. Der Druck auf den Regenwald wird zunehmen. Der steigende Ölpreis treibt nämlich die Preise von Bioöl und Nahrungsmitteln ebenfalls in die Höhe. Die Nachfrage nach Nahrung und Ackerland wird durch das Bevölkerungswachstum eher zu- als abnehmen.

Sie sind Vorsitzender der Arbeitsgruppe 3 des Weltklimarates IPCC. Der ist wegen Fehlern in die Kritik geraten. Was wird sich an der Arbeit ändern?

Wir haben das interne Qualitätsmanagement deutlich verbessert, wir fordern Gutachter auf, Aussagen genauer zu prüfen. Es wird ein Exekutivkomitee geben, das zwischen den Plenarsitzungen die Geschäfte führt. Vor allem müssen wir unser Selbstverständnis ändern. Wir sind keine Ersatzpolitiker, wir haben nicht das Mandat, Kompromisse auszuhandeln oder Entscheidungen zu treffen. In diese Rolle haben sich manche Wissenschaftler auch von Politikern treiben lassen.Wir Forscher haben nur das Mandat, der Öffentlichkeit und auch den Parlamenten Wege zu zeigen, wie man mit dem Klimawandel umgehen kann. Und das tun wir.

Das Gespräch führte Andreas Mihm.

Text: F.A.Z.

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